Jeder Stuhl steht für eine Geschichte
- Marnie Menkens

- 11. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
„Wir können zwar nicht jede Form von Gewalt verhindern, aber wir können sichtbar machen, was Betroffene erleben – und deutlich zeigen: Ihr seid nicht alleine, wir sehen euch.“ Mit diesen Worten beschreibt Jette Hinkelmann vom SOS-Kinderdorf Wilhelmshaven-Friesland die Motivation hinter den Orange Days. Die Aktionswochen lenken in diesem Jahr zum vierten Mal den Blick auf die weit verbreitete Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Der Arbeitskreis „Runder Tisch häusliche Gewalt“ hat dazu vom 25. November bis zum 10. Dezember ein vielseitiges Programm vorbereitet.
Den Auftakt bildet eine Veranstaltung im Rathaus, die aufgrund des großen Interesses bereits lange im Voraus ausgebucht war, wie Marnie Menkens vom Verein zur Förderung kommunaler Prävention berichtet: Mehr als 120 Personen aus über 80 kooperierenden Einrichtungen haben sich angemeldet. Jede beteiligte Institution wird während der gesamten zwei Wochen einen orangefarbenen Stuhl im Stadtgebiet aufstellen. Diese Stühle stehen stellvertretend für Frauen, die Opfer eines Femizids oder eines versuchten Femizids wurden. „Jeder einzelne Stuhl erzählt eine eigene Geschichte“, hebt Hinkelmann hervor.
In diesem Jahr wirken erstmals auch die Grundschulen Mühlenweg und Altengroden aktiv mit. Die Kinder haben Plakate und Bilder zum Thema „Gewaltfreie Erziehung“ gestaltet, die ab dem 25. November im Jugendamt zu sehen sein werden.

Femizide – schwierige Datenerfassung
Nach der Auftaktveranstaltung am 25.11.25 um 15 Uhr ziehen die Schülerinnen gemeinsam mit Unterstützerinnen in einem Laternenumzug vom Rathaus zum Jugendamt. Auch in der Nordseepassage wird es während der Orange Days eine Ausstellung geben. Nach Recherchen des Instagram-Projekts „femizide_stoppen“ gab es im Jahr 2025 bundesweit etwa 78 Femizide (Stand: Oktober 2025). Die Zahl basiert auf der polizeilichen Kriminalstatistik sowie Medienberichten. „Eine genaue statistische Erfassung ist schwierig, weil ‚Femizid‘ kein juristisch klar definierter Begriff ist“, erklärt Polizeihauptkommissarin Katja Reents von der Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland. Ob ein Fall als Femizid gilt, müsse im Einzelfall bewertet werden. Reents nennt ein Beispiel: Tötet ein Mann zunächst seine Ehefrau und verunglückt anschließend absichtlich mit den Kindern im Auto, wird dies polizeilich nicht als Femizid, sondern als erweiterter Suizid geführt.
Hilfe niedrigschwellig zugänglich machen
Häusliche Gewalt betrifft Menschen aller sozialen Hintergründe. „Sie kann in jeder Familie vorkommen – unabhängig von Einkommen, Bildungsstand oder sozialem Status“, betont Hinkelmann. Besonders gefährlich sei es oft in Phasen der Trennung.
Um Betroffenen unauffällig Informationen zugänglich zu machen, wurde gemeinsam mit den Bäckereien Kempe und Siemens die Aktion „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ entwickelt: Während der Orange Days werden Brötchentüten mit QR-Codes ausgegeben, die direkt zu lokalen Beratungs- und Unterstützungsangeboten führen.
Das vollständige Programm der Orange Days ist auf der Website der Stadt Wilhelmshaven unter dem Stichwort „Orange Days“ zu finden. Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr unter der Nummer 116 016 erreichbar.
Einen ähnlichen Artikel gibt es hier: https://zeitungskiosk.nwzonline.de/titles/wilhelmshavenerzeitung/6387/publications/3473/pages/6/articles/2398075/6/1




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